1 jahr tüüg – Ein Rückblick

long long time ago, i can still remember

Wir waren 'tüügtich'

Für alle die es immer noch nicht mitbekommen haben, tüüg ist ein plattdeutsches Wort für Kram oder Zeug. Man spricht es ‚tüüch‘ aus und nicht tück, tüg, tüüüüg oder so. Aber das ist eher Nebensache. Ihr fragt euch jetzt sicher, ja großartiges Wortspiel aber waren die echt so fleißig? Hier mal ein kleiner Rundown der letzten 12 Monate.

Mai ’21
Hanne und Rieke sind im April spontan und ohne Plan nach Leipzig gezogen, es ist immer noch Lockdown und sie hocken in ihrer WG, lauschen ihren Zoom Meetings und quälen sich ab und an zu ihren Studentenjobs um sich über Wasser zu halten.
Eines deprimierenden Abends beschließen sie, besser als das zu sein. “Wir können doch schon ein bisschen was, kann doch nicht sein das ich jeden Tag 300 Leuten Stäbchen in die Nase rammen muss.” Als Kontext, Hanne hat derzeit im Corona-Testzentrum gearbeitet. Also belud Rieke um 23 Uhr erneut großzügig die Kaffeemaschine mit dem billigsten gemahlenen Kaffee, den man bei Netto finden kann und das Brainstorming ging los. 
Irgendwann kam eins zum anderen und die Idee, alte Bilder aufzumotzen war geboren – noch unbenannt, versteht sich. Sie erinnerten sich an einen Trödel- und Antikladen in Lindenau, wo sie einige Wochen zuvor einen Barwagen für ihre neue Wohnung erstanden hatten und machten sich einige Tage später auf den Weg zu dem Mann, der ihr Leben verändern sollte. Haha, ja vielleicht ein bisschen dick aufgetragen, aber Frank Schramm ist in dieser Geschichte ein Protagonist von unschätzbarem Wert. Sein Laden riecht nach kaltem Zigarettenrauch und bietet mehr, als man vom bloßen Blick ins Schaufenster erwarten mag. In doppelter Redegeschwindigkeit versuchen die euphorischen Mädels dem Flohmarktschnüffler (wie er sich selbst im Internet nennt) ihre Mission zu erklären, und er verstand schnell. Er führt die beiden in den Backstagebereich seiner Bühnen und wirkt sichtlich erleichtert, als er die Begeisterung für seine weniger repräsentativen Bilder erkennt. 
Um etwa 10 Bilder in einem kaputten Bananenkarton reicher und 50 € ärmer, stehen sie nun in  ihrem Wohnzimmer und die ersten Versuche beginnen. Es wird geklebt, gehämmert, geschnippelt und schlussendlich auch gemalt. 

Juni '21

Die ersten Bilder sind fertig und ein Name muss her. Stundenlanges Denken der beiden endet in einer Sackgasse. Sie beschließen es nicht zu erzwingen und stattdessen zu tun, was sie am besten können und keine Stunde später sitzen sie in einem Lokal an der Karli und haben einen tieforangenen Aperol in der Hand. Es soll ein abstraktes Wort sein, eine Marke, mit hohem Wiedererkennungswert und am besten mit Heimatsbezug auf Norddeutschland – ein Ding der Unmöglichkeit.  Zwei Flaschen Prosecco später klicken sie sich amüsiert durch ein plattdeutsches Wörterbuch und Zack – Tüüg. Dat is es!
Am selben Abend erstellen sie alle Social media Kanäle und einen Etsy Store. 

Juli ’21
Während Rieke im Großraumbüro am Telefon mit enkellosen Senioren plaudert – als Kontext, sie hat derzeit in einem Kundenservicecenter gearbeitet – erzählt eine Arbeitskollegin Hanne von einem Ideenwettbewerb der Stadt Leipzig. 
Hört sich perfekt an, denken die beiden und feilen ein Konzept aus, mit dem es sich bewerben lässt. 

August ’21
Neben dem Malen, dem Fotografieren, dem Handwerkern und Lernen, hängen die Mädels permanent auf Ebay Kleinanzeigen, um viele neue Bilder zu finden. Mit der Straßenbahn nach Knautkleeberg, zu Fuß nach Leutzsch, es wird getan was getan werden muss, um die perfekten Motive zu ergattern. Ganz nebenbei erzielen sie am 1. August ihren allerersten Etsy Verkauf!

September ’21
Die Bestellungen trudeln schleppend ein..öfter als ihnen lieb ist, von Bekannten und ehemaligen Kommilitonen, aber sie lassen sich nicht unterkriegen. Kurzerhand lassen sie 1000 Flyer drucken und mieten sich 2 Meter auf dem Kiezflohmarkt in Leipzig. (Mind you, sie waren besorgt, ob die 25 € Standmiete gut investiert sein)
Aus dem ursprünglichen bisschen Werbung machen für den Etsy Store, wurde ein reinster Verkaufsmarathon – mehrmals musste Vincent der Praktikant (aka Riekes Freund) sich auf sein Radel schwingen und neue Bilder aus ihrer Wohnung holen. Sie konnten ihr Glück kaum fassen, während sich die beachtliche Menschentraube nach und nach wieder von ihrem Stand entfernte.
Eines stand nach diesem Tag fest: Die Bilder müssen gesehen werden, am besten live und in Farbe. 
Jetzt wird’s ernst: Gute Nachrichten am Ende des Monats, tüüg ist unter den Top 3! Jetzt müssen sie sich beim Onlinevoting gegen ihre Konkurrenz durchsetzen.

Oktober ’21
Im Oktober dann der Schock! Sie haben gewonnen – say whaaat? Haha und jetzt? Bisschen überfordert, not gonna lie, heißt es für Hanne und Rieke nun, den Worten in der Bewerbung auch Taten folgen zu lassen. Glücklicherweise zahlen sich nun endlich die vielen späten Stunden der Konzeptplanung aus, sodass sie sich voll uns ganz auf die Formalitäten konzentrieren können. Auch wenn es nur um drei Wochen geht, müssen sie es schaffen innerhalb eines Monats ihr Projekt auf ein zumindest semi-professionelles Level zu heben. Gewerbe werden angemeldet, eine Gbr gegründet, ein Kassensystem überlegt, jede Menge Werbung gemacht und natürlich fleißig Bilder gestaltet – immerhin gilt es einen fast 100 m2 Laden zu bespielen. An dieser Stelle auch nochmal ein fettes Danke an alle Ebayhelden, die günstig oder sogar umsonst ihre Möbel abgegeben haben, damit die Eröffnung nicht in einem leeren Laden stattfinden musste. 

Am 25.10. ging es dann los. Haha, kann sich jemand von euch vorstellen, dass man den beiden Tröten einen Schlüssel für ihren eigenen Laden gegeben hat? Ne ich auch nicht. 

November ’21
Mit ein bisschen Augenklimpern schaffen Hanne und Rieke es, ihre Ladenzeit gegen Übernahme der Nebenkosten um einen Monat zu verlängern. Ein Glück, denn bei dem ganzen Workshop organisieren, Bilder malen und verkaufen in dieser aufregenden Zeit, hatten die beiden es schwer, einen Anschlussplan für nach dem Pop-up-Store zu schmieden. 

Ein zwei Gewerbeflächen wurden besichtigt und schnell wird ihnen klar, die Einnahmen sind noch viel zu unverlässlich um sich eine derartige finanzielle Verantwortung aufzuladen. Viele Vermieter erwarten mindestens 3 Jahre Mietdauer und die beiden haben es bisher kaum drei Jahre an einem Fleck ausgehalten.
Nach langem hin und her tut sich plötzlich ein klitzekleiner Laden in Schleußig auf und dann geht alles ganz schnell. Hanne und Rieke setzen alles auf eine Karte und konnten überzeugen. 

Dezember ’21
Tis the season to be stressed out.
Am 21.12. müssen sie aus dem dreistöckigen Laden in der Forststraße raus sein, der neue Laden ist aber noch besetzt, die Familien drängeln darauf die beiden endlich mal wieder zu sehen und das Weihnachtsgeschäft boomt. Help!

1. Schritt, all die Möbel aus dem großen Laden loswerden (von 100 m2 auf 16m2)

2. Schritt, alle Sachen wieder einpacken und in 5 Touren mit dem Auto zum neuen Store bringen
(glücklicherweise wurde die Fläche dort nicht mehr aktiv genutzt, sodass sie schon früher einziehen konnten)
3. PAUSE

Januar ’22
Immer noch erschöpft von den Feiertagen im Norden und dem Trubel davor, beginnt nun der spaßige Teil des Abenteuers. Sie haben einfach ihren eigenen Laden. Innerhalb eines halben Jahres wurde aus tüüg plötzlich ernst und die beiden hatten nicht mal Zeit zu realisieren was eigentlich passiert. Während Sie also ein Farbkonzept erstellen und sich daran machen, den kleinen Laden nach ihren Vorstellungen zu gestalten, haben die zwei endlich Zeit alles Revue passieren zu lassen und aufgeregt ins neue Jahr zu starten.

Februar ’22
Noch surfen die Mädels auf der Welle der Euphorie, doch es deutet sich bereits der erste Realitätscheck an. Nach dem phänomenalen Weihnachtsgeschäft erwartet die zwei nun eine kleine Durststrecke im Verkauf und Workshops dürfen sie aufgrund von Covid auch nicht mehr veranstalten. Klar haben sie das ein Stück weit auch im Vorfeld antizipiert, aber mit der monatlichen Miete im Nacken und keinem anderen Nebenverdienst, wurden plötzlich alle Gürtel ein paar Löcher enger geschnallt. Ein Onlineshop soll die Lösung ihrer Probleme sein. Es nimmt die Hemmung in das kleine Atelier zu gehen und überbrückt hoffentlich die Zeit bis die Flohmarktsaison erneut Fahrt aufnimmt. 

Gesagt, getan. Hanne macht sich an die Arbeit und ruck zuck steht der Shop. Ähnlich wie in der anfänglichen Etsyphase dauert es seine Zeit, bis der erste Kunde zuschlägt aber DING DING DING, dafür feiern die beiden als hätten sie ein Haus verkauft, als es dann soweit ist. 

März ’22
Weiterhin kämpfen sich die beiden durch den Unialltag und malen was das Zeug hält. Umso mehr freuen sie sich über jeden Verkauf der eintrudelt, auch wenn es noch immer verhalten ist. Die Umsätze reichen glücklicherweise, um die laufenden Kosten zu decken, viel mehr bleibt am Ende nur leider nicht übrig. Es wird nun also auch privat alles verkauft was nicht niet-und nagelfest ist, in der Hoffnung, dass sich alles irgendwann rentieren wird und der Wind sich möglichst bald wieder dreht. 

April ’22
Steuerseminare stehen auf dem Programm. Die beiden Geisteswissenschaftlerinnen haben dann doch langsam begriffen, dass sie keine Ahnung haben, was es heißt Buchhaltung zu führen und quälen sich durch YouTube Tutorials ehe die Einsicht sie einholt und sie sich Hilfe holen. Nebenbei wird weiter fleißig versucht, das Geschäftsmodell zu optimieren.

Mai ’22
Yay, tüüg konnte nach einigen vergeblichen Versuchen endlich wieder einen Flohmarktplatz ergattern. Dieses Mal reisen sie mit etwa dreimal so vielen Bildern an, wie im vorigen Jahr. Gewappnet mit  Stickern, Flyern und einem über mehrere Monate einstudierten Vortrag inklusive Plakatlächeln, verkaufen die Mädels was das Zeug hält. Und neben dem dringend notwendigen Zaster, gewinnen sie mit jedem Gespräch und jedem Lachen der Flohmarktbesucher*innen über ihre Werke, ihr Selbstvertrauen zurück. 

„Es funktioniert noch“, schreit Hanne, den Tränen nahe, als sie zusammengepackt vom Marktgelände fahren. Sogar einige Nachzüglerkäufe bringt der Mini Erfolg mit sich und endlich können wieder Kräfte geschöpft werden. Zwei Tage später findet auch endlich der 1. Workshop im ‚neuen’ Laden statt!
Stück für Stück erweckt Leipzig mit dem schöneren Wetter auch wieder zum Leben und das ein oder andere Angebot findet seinen Weg in das tüüg Postfach. (Auch ein paar kryptische Nachrichten über das Kontaktformular, aber das ist eine andere Geschichte)
Achja und ein TikTok vom Dönerbild ist plötzlich mit über 100.000 views viral gegangen, das war auch crazy..

Juni ’22
Hanne macht sich auf den Weg um mit ihrem Freund (Praktikant Tom), ein paar Monate mit dem Auto durch Europa zu fahren. Währenddessen hält Rieke erstmals allein bei tüüg die Stellung in Leipzig. Ein bisschen unsicher, wie es ohne die Content Queen und Websitemeisterin so laufen wird, kocht sie sich Unmengen an Kaffee und malt Bilder was das Zeug hält. Nach einigen Versuchen und Facetimecalls klappt es dann auch ganz allein, zusammen macht es trotzdem viel mehr Spaß. 

Juli ’22
Der Monat beginnt erstmal mit einer Sommerpause. Und bevor ihr euch jetzt denkt – ‚Ein guter Flohmarkt und die legen sich erstmal auf die faule Haut‘, Joa schon. Ne Spaß, aber kleine Pausen fördern die Kreativität und um euch das zu beweisen, steckt Rieke derzeit in einer der größten Produktionsphasen, die tüüg je gesehen hat. Ja, vielleicht übersteigt sie dabei nicht nur ihre eigenen, sondern auch die Kapazitäten des kleinen Ladens, aber wat mutt dat mutt, oder?

Bevor ich jetzt zu viel verrate, was die nächsten Monate noch so bereit halten, lassen wir es damit erstmal gut sein oder? Jetzt habt ihr den Durchblick, was in den letzten 14 Monaten bei uns so los war und dürft gespannt bleiben, was noch kommt..

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

You cannot copy content of this page